#diaspora
Ein Multimedia-Interview von Nadia Kouki
Dauer: 14 min.
14.11.2025
Asja Ahmetović ist in Wien geboren, ihre Eltern sind aufgrund des Bosnienkrieges nach Österreich geflüchtet. Sie wächst mit mehreren Zugehörigkeiten auf. Die Frage was oder wer sie ist, begleitet sie bis heute. Zwischen zwei Welten finden ihre Antworten ihren Ausdruck in Worten, Bildern und künstlerischen Arbeiten.
Grenzgänge: Wie würdest du die Frage “Wer bist du?”, beantworten?
Grenzgänge: Welchen Stellenwert hat deine Herkunft und dein Glauben in deinem Leben?
Asja Ahmetović: Meine Eltern sind in Bosnien geboren und aufgewachsen, ich selbst in Wien. Die ersten Jahre meines Lebens habe ich tatsächlich kein Deutsch gesprochen, weil ich mir mit der Sprache ur schwer getan habe. Gar nicht, weil meine Eltern es nicht versucht haben, sondern weil ich mich mit Bosnisch einfach wohler gefühlt habe.
Im Kindergarten gab es dann irgendwann die Situation, wo ich gemerkt habe: Oh, die Leute verstehen mich nicht, wenn ich Bosnisch rede. Das hat so eine starke Emotion, nicht verstanden zu werden, in mir ausgelöst, dass ich Deutsch gelernt habe und über die Jahre aufgehört habe, Bosnisch zu reden. Das wirkt tatsächlich bis heute nach. Also ich verstehe die Sprache aber meine Grammatik ist nicht so gut.
Ich bin mit der bosnischen Kultur aufgewachsen und auch muslimisch erzogen worden. Aber jedes Mal, wenn ich das sage, habe ich das Gefühl mich sofort rechtfertigen und erklären zu müssen. Ich praktiziere meinen Glauben vielleicht anders als andere Leute. Aber ich finde das immer so spannend, dass mir das mir abgesprochen wird, weil ich kein Kopftuch trage oder jeden Tag bete.
Grenzgänge: Deine Eltern sind aufgrund des Bosnienkrieges nach Österreich geflüchtet. Du bist selbst Wienerin der ersten Generation, aber auch Migrantin der zweiten Generation. Wie lebst du mit diesen verschiedenen Zugehörigkeiten?
Grenzgänge: Gibt es Erinnerungen oder Erzählungen deiner Eltern, die dich besonders geprägt haben?
Asja: Und dann hat es ja vor allem angefangen mit diesen ganz grindigen rassistischen Wahlplakaten von Slobodan Milosevic, die man so in der Art noch nie gesehen hat einfach in diesem Land, was schon den Leuten noch Sorgen gemacht hat.
Grenzgänge: Welche Bedeutung haben Communities für dich, in denen Menschen ähnliche Erfahrungen oder Hintergründe teilen?
Asja: Ich habe nie großen Wert daraufgelegt, aktiv nach Communities zu suchen, weil ich nicht wollte, dass meine Persönlichkeit sich nur darüber definiert, dass ich eine Person mit Migrationsbiografie bin.
Aber ich habe schon gemerkt, dass die Dynamik in Freundschaften anders ist. Meine beste Freundin hat einen türkischen Migrationshintergrund und da merke ich schon, dass gewisse Dinge anders ablaufen als in anderen Freundschaften.
Beispielsweise weil man Erfahrungen teilt, wie als Kind nicht Deutsch gesprochen zu haben oder, für Eltern Dokumente übersetzen zu müssen, obwohl man erst 15 Jahre als ist und keine Ahnung hat, wie Behörden funktionieren. Solche Erfahrungen haben bestimmte Menschen einfach, und andere nicht. Deshalb ist es manchmal schön, sich mit anderen Leuten aus der Diaspora auszutauschen. Gar nicht unbedingt, um nur über Migration zu reden, sondern weil man sich ein bisschen besser verstanden und gehört fühlt.
Grenzgänge: Das aktivistische Projekt „Demokratie, was geht“ gibt Jugendlichen eine Plattform, ihre Realität zu zeigen. Was war für dich der wichtigste Moment, an dem du gemerkt hast, dass deine Stimme wirklich zählt?
Asja: Demokratie, was geht, ist echt ein besonderes Projekt. Ich habe echt schon tausend Projekte in meinem Leben gemacht, aber noch nie eines, wie Demokratie, was geht. Ursprünglich war der Plan, dass ich nur als Fotografin die Workshops mitverfolge und Veranstaltungen fotografisch festhalte. Aber es hat mich dann einfach ur gepackt, diesen Jugendlichen dabei zuzuschauen, wie sie eigentlich von 0 auf 100 schaffen, ihre Passions und ihre Träume im Leben auszuleben und eine Plattform dafür zu bekommen.
Grenzgänge: Im Rahmen von “Demokratie, was geht” hast du dein Kunstprojekt “Zwischen den Welten” erstellt. Welche persönliche Bedeutung hat das Projekt für dich?
Asja: “Zwischen den Welten“ ist für mich eine künstlerische Antwort auf dieses ständige Hinterfragtwerden meiner Identität. Meine Herkunft, mein Name, meine Religion – all das wird oft nicht einfach angenommen, sondern geprüft, kommentiert oder angezweifelt.
© Asja Ahmetović
Grenzgänge: Was macht es mit dir, wenn deine Identität von außen ständig angezweifelt wird?
Grenzgänge: Du hast im Rahmen von „Demokratie, was geht“ auch Songs geschrieben und produziert. Welcher Song hat für dich eine besondere Bedeutung?
Asja: Es gibt einen Song, wo die ganze Gruppe Teil davon ist, und wir auch auf mehrere Sprachen singen- und das ist Space. Space bedeutet mir schon am meisten. Er ist mir nicht nur wegen meinem Part wichtig. Aber ich habe zweisprachlich, auf Deutsch und Bosnisch, gesungen und Themen wie Rassismus und die Flüchtlingsthematik behandelt. Wir haben uns am Anfang geeinigt, das Thema Identität sein soll- das war die einzige Vorgabe. Und ich finde es einfach ur schön, dass verschiedene Geschichten erzählt werden, die aber doch irgendwie eine Geschichte ergeben.
Copyright: Gleisdreieck/ Demokratie, was geht?
Credits:
Lyrics & Performance: Asja, DISher Dawi, Evray, Fatma, Kiste, Liv, Şiyar, Zaniar
Mixing by: DoJo
DOP: Benni Skalet
Directed by: Monika Jungwirth (Karma+Pitch)
Recorded at Fiakka Studios Vienna
Grenzgänge: Würdest du sagen, dass deine Kunst bewusst als Reaktion auf Marginalisierung entsteht, möglicherweise auch als Antwort auf bestimmte gesellschaftliche Haltungen oder Meinungen?
#drag
Ein Multimedia-Interview von Patrick Sieber
Dauer: 20 min.