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#theater

"Hier geht ein Tier auf die Bühne kein Mann"

Ein Interview von Timo Buchhaus

Dauer: 6 min. 

Tony Miyambo spielt gerne mit einem Bild, das heute auf westlichen Theaterbühnen Tabu ist. Denn er ist Südafrikaner, und er spielt einen dressierten Affen. Beim Publikum stößt das auf so manchen unbehaglichen Lacher. Im Interview mit Timo von Grenzgänge spricht er über die gesellschaftliche Aufgabe des Theaters, seine Karriere, und was die Grenzziehung zwischen “Uns” und den “Anderen” so gefährlich macht.

Das Interview wurde auf Englisch geführt und übersetzt.

Tony Miyambo ist Schauspieler. Seit 15 Jahren reist er mit dem Regisseur Phala Ookeditse Phala für Theaterfestivals, Auftritte auf kleinen Bühnen, und Hinterhoftheatern um die Welt. Gespielt haben sie in dieser Zeit nur ein einziges Stück: Kafka’s Ape, eine Adaption des 1917 erschienenen Kafka-Werkes: Ein Bericht für eine Akademie. Tony spielt die einzige Rolle des Solostückes, Red Peter, einen Affen aus Tansania, der nach Südafrika entführt wurde. Das Stück wird international aufgeführt und hat zahlreiche Preise gewonnen.

Grenzgänge: Herr Miyambo, Sie sind ein schwarzer Mann und spielen einen Affen. Sie arbeiten mit einem historisch sehr aufgeladenen Bild. Warum haben Sie gerade dieses Tier ausgewählt, um diese Geschichte zu erzählen? 

Tony Miyambo: Das müssten sie eigentlich Phala (den Regisseur) fragen. Aber als Schauspieler denke ich folgendes:

Die Macht von Stereotypen liegt darin, dass sie zu einem gewissen Grad bestimmen, wie wir in der Welt wahrgenommen werden. Was wir in diesem Stück tun ist diese Macht zu untergraben, indem wir genau dieses Bild, diese Beleidigung hernehmen und uns zu eigen machen und damit selbst ermächtigen.  

Wir sagen, seht her, hier geht ein Tier auf die Bühne, kein Mann. Und du denkst: Ich sehe ein Tier, aber ich beginne, aufgrund dessen, was das Tier sagt, Empathie und auch ein bisschen Scham zu empfinden. Und dann erkennst du, dass du als Mensch Verantwortung dafür trägst, ob das Tier leidet oder nicht. Und dann am Ende kommst du vielleicht darauf, dass das auch ein Mensch sein könnte, und du auch Verantwortung gegenüber menschlichem Leid trägst. Genau das, glaube ich, ist auch die Kraft des Theaters.

Franz Kafka war ein jüdischer Autor, der 1883 im Prag der k.u.k. Monarchie geboren wurde. Er gilt heute als einer der berühmtesten Vertreter der deutschprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Zu seinen bekanntesten Werkes zählen der Process oder der Verschollene. Sein 1917 erschienenes Werk Ein Bericht für eine Akademie liefert die Grundlage für Phala Ookeditse Phala’s Adaption Kafka’s Ape.

Grenzgänge: Worum geht es in Kafka’s Ape?

Tony Miyambo: In Kafka’s Ape geht es um einen Affen, der aus der Wildnis entführt und sich im Laufe seiner Gefangenschaft immer mehr von seiner Affennatur entfernte, um zu überleben. Vor einer Akademie legt er einen Bericht über seine Entwicklung ab

In diesem Bericht legt der Affe die Widersprüche seiner Existenz offen und beschreibt, wie er gezwungen war, sich zu assimilieren, anstatt seinen eigenen Weg wählen zu können. Im Kern untersucht Kafka in diesem Stück die Arten und Weisen, wie wir einander zu „Anderen“ machen, aber auch, wie wir uns selbst zu „Anderen“ machen, um dazuzugehören – und wie wir uns selbst aus Gründen des Überlebens verfremden, statt wirklich zu leben und zu gedeihen.

Grenzgänge: Das Original wurde vor mehr als hundert Jahren veröffentlicht. Warum denkst du, dass es heute noch immer aktuell ist?

Tony Miyambo:  Genau hier liegt, denke ich, die Brillanz des Regisseurs, Phala Ookeditse  Er hat die Möglichkeit gesehen und die Relevanz von Kafkas Werk in dieser Zeit erkannt. Kafka ist ein unglaublicher Autor, und seine Worte fühlen sich, egal wie alt sie sind, zeitlos an. Er hat eine Art, die Geschichte des Roten Peters so zu beschreiben, dass man als Leser das Gefühl bekommt, Verständnis für das Animalische, das Fremde, aber eben auch das Ich zu bekommen. Kafka benutzt das Tier letztendlich dazu, um einen Kommentar über das Menschsein an sich abzugeben. Das resoniert eben auch heute noch.

Grenzgänge: Das Stück wurde im Prag des Ersten Weltkrieges geschrieben und hundert Jahre später in Südafrika adaptiert. Warum findet es jetzt international Anklang?

Tony Miyambo:  Ich glaube, dass die gegenwärtige Zeit uns mehr und mehr aufzeigt, dass wir diese Idee loswerden müssen, dass es so etwas wie voneinander abgegrenzte, geschützte Räume auf der Welt gibt. Mich hat das Touren dieses Stückes gelehrt, dass die Welt viel kleiner ist, als wir uns vorstellen und dass wir uns alle die ganze Zeit gegenseitig beeinflussen und mit Ideen anstecken. Solange es uns leicht fällt, jene, die wir als „Andere“ wahrnehmen, zu benachteiligen, zu verletzen oder zu töten. Solange wir ohne Empathie und ohne Verständnis für das andere leben, solange werden wir uns selbst zu Fall bringen.

Zu Tony Bonani Miyambo

Tony Bonani Miyambo ist 38 Jahre alt. Er ist Absolvent der Fakultät für darstellende Kunst an der südafrikanischen University of the Witwatersrand. Seit 2011 stellt er das Ein-Mann-Ensemble in Kafka’s Ape. Er ist für seine Solo-Performances bekannt, arbeitet aber auch in der südafrikanischen TV-Brance. Für seine Leistungen als Schauspieler gewann er zahlreiche Preise. So etwa den Best Satire Award des United Solo Festivals in New York.

Grenzgänge: Woran siehst du das?

Tony Miyambo: Ich muss nicht weit schauen, um das zu erkennen. In Afrika herrschen bis heute zahlreiche Kriege. Im Nahen Osten herrscht Krieg. Selbst hier in Europa.

All diese Dinge beeinflussen uns auf die eine oder andere Weise gegenseitig – sei es durch globale Lieferketten, die Versorgung mit Lebensmitteln oder dadurch, dass das, was an einem anderen Ort geschieht, Auswirkungen auf dich genau dort, wo du gerade bist, hat. Das zeigt mir, dass wir nicht so leben können, als würden wir uns nicht gegenseitig beeinflussen. Es braucht also eine Rücksichtnahme aufeinander.

Und ich glaube, die Grundlage dieser Rücksichtnahme ist Empathie. Und genau darum geht es in diesem Stück.

"Jeder Abend, an dem hundert Menschen diese Aufführung sehen, ist eine Gelegenheit, einen Dialog zu beginnen."

Tony Miyambo

Grenzgänge: Ich glaube nicht, dass das gerade deine Absicht war, aber es hört sich beinahe so an, als wäre das Stück eine Kritik an westlichen Gesellschaften. Denn genau die leben ja momentan global betrachtet auf Kosten anderer. Daher meine Frage: Zielt ihr bewusst auf ein westliches Publikum ab?

Tony Miyambo: Auf der einen Seite suchen wir gezielt Möglichkeiten, dieses Stück in Europa aufzuführen. Man kann hier von dieser Arbeit viel erfolgreicher leben, als es bei mir zuhause der Fall wäre. Das ist ganz klar ein Ergebnis davon, wie weit sich westliche Gesellschaften entwickelt haben. Ein Teil von mir empfindet eine gewisse Scham dabei, dass ich mir genau diesen Markt für meine Arbeit aussuche. Aber in neun von zehn Fällen ist es eben tatsächlich der bessere Markt, um diese Arbeit zu zeigen.

Auf der anderen Seite kann ich keine Verantwortung für eine Realität übernehmen, die über hunderte von Jahren gewachsen ist.  Was für mich viel erfüllender geworden ist, ist die Frage, wie ich eine authentisch südafrikanische Geschichte erzählen und dazu nutzen kann, Diskussionen anzustoßen, die sonst nicht leicht zu führen wären.

Ich denke, das Theater hat genau diese Fähigkeit. Wir sitzen eine Stunde lang gemeinsam im Dunkeln, wir fühlen und atmen zusammen. Und fast zwangsläufig treten wir, wenn wir diesen Raum verlassen, miteinander in Austausch über das, was wir in dieser Stunde gemeinsam erlebt haben.

Daran halte ich fest. Und ich komme ohne vorgefertigte Vorstellungen, ohne Urteile. Was ich mitbringe, ist eine Geschichte, mit der ich mich lange auseinandergesetzt habe. So ist jeder einzelne Abend, an dem hundert Menschen diese Aufführung sehen, eine kleine Gelegenheit, einen Dialog zu beginnen, der sonst vielleicht gar nicht stattgefunden hätte.

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@Ateliertheater

Grenzgänge: Sollte das Stück von Anfang an an ein internationales Publikum gerichtet sein?

Tony Miyambo: Nein. Und das Stück war zu Beginn auch eher ein Misserfolg. Wir standen in den ersten Jahren mehrere Male kurz davor aufzugeben, aber adaptierten es immer weiter, suchten immer neue Möglichkeiten es aufzuführen. Unseren Durchbruch hatten wir dann mit dem Amsterdamer Fringe Festival. 

Auch der Kontext war zu Beginn ein ganz anderer. Das war zu der Zeit, als in Südafrika die xenophoben Attacken auf Immigranten stattfanden. Seither hat er sich vielfach gewandelt und immer an den Ort angepasst, an dem wir gerade spielten. Als wir in Australien waren, wüteten gerade die Waldbrände, und wir beschäftigen uns mit dem zerstörerischen Einfluss des Menschen auf die Natur. In Ruanda reflektierten wir den Genozid an den Tutsi.

Tony Miyambo

"Der Affe mag heute etwas langsamer sein. Dafür ist er umso redegewandter und interessanter."

Grenzgänge: Sie führen dieses Stück seit 15 Jahren auf und sind in dieser Zeit bestimmt etwas gealtert. Wie wirkt sich das auf den Affen aus?

Tony Miyambo: Genauso wie ich gealtert bin, ist der Affe mit mir gealtert. Das Stück ist sehr physisch, aber seitdem ich es das erste Mal aufgeführt habe, habe ich etwas von meiner Agilität verloren. Als Darsteller hat mich das am Anfang sehr frustriert, bis mir aufging, dass der Affe natürlich auch altern muss. Er mag heute etwas langsamer sein. Dafür ist er umso redegewandter und interessanter.

Grenzgänge: Herr Miyambo, dieses Stück begleitet sie quasi ihr halbes Leben, und ihr gesamte Karriere. Wie hat sich das auf ihr Leben ausgewirkt?

Tony Miyambo: Den roten Peter zu spielen hat mir eine lange Karriere ermöglicht. Es ist ein Stück, das man nicht ohne hundertprozentige Präsenz spielen kann. Das ist eine Herausforderung, die mich ständig begleitet, zu der ich immer wieder zurückkehre. 

Es ist ein Stück, das mich an mich selbst als Darsteller glauben lässt. Es hat mir beigebracht, wie man Unternehmer ist, aber auch, wie man als Mensch und als Künstler in der Welt steht – mit einem Blick auf die ganze Welt und nicht nur auf meinen kleinen eigenen Kontext.

Ich hoffe, dass es mich zu einem besseren Menschen, zu einem besseren Schauspieler, zu einem besseren Produzenten und zu einem besseren Geschichtenerzähler gemacht hat. Letztlich hat es mir das Selbstvertrauen gegeben, weitere Geschichten und Themen zu finden, von denen ich glaube, dass es wichtig ist, über sie zu sprechen.

Grenzgänge: Vielen Dank für das Gespräch.

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