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#hooligans

Gewalt als Sprache - warum Hooligans zuschlagen

Ein Interview von Simon Fuchs

Dauer: 8 Minuten

In Österreich sorgt die Gewalt von Hooligans immer wieder für Schlagzeilen. Vor allem bei Spielen zwischen verfeindeten Fußballklubs eskaliert es regelmäßig – die Folge: Polizeieinsätze, schwere Verletzungen, Sachbeschädigung. Doch hinter den Schlägereien und Ausschreitungen steckt mehr als bloße Aggression.  Der Sportsoziologe Otmar Weiß von der Universität Wien erklärt im Interview, wo die Grenzen zwischen Fankultur und organisierter Gewalt verlaufen, wie aus jungen Männern Hooligans werden, warum sie nicht zwingend Fußballfans sind und was die Gesellschaft dagegen tun kann.

Wien-Hütteldorf, September 2024. Nach dem 2:1-Heimsieg von Rapid über die Austria kommt es zu hektischen Szenen im Allianz Stadion. Hunderte teils vermummte Fans beider Vereine stürmen das Feld, es kommt zu Handgreiflichkeiten, Böller und Bengalen fliegen durch die Gegend. Die Ordner*innen verlieren die Kontrolle, die Polizei muss mit einem Großaufgebot eingreifen. Der Abend endet mit mehreren Verletzten und über 100 Anzeigen.

Szenenwechsel. Graz, März 2025. Rund 50 Männer fahren mit der Straßenbahn in die Innenstadt, wo sie auf Fans ihres Rivalen Sturm Graz „Jagd machen“ wollen – teilweise mit Schlag-Handschuhen bewaffnet, vermummt. Sie sind Hooligans des Grazer AK. Bei einem Würstelstand werden sie fündig und schlagen auf mehrere Männer ein, manche von ihnen werden dabei bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt.

Szenen wie diese sind sinnbildlich für die österreichische Hooligan-Szene. Dabei handelt es sich meist um Männer zwischen 18 und 40 Jahren. Beruflich sind sie durchmischt, wie das beschriebene Beispiel aus Graz zeigt: Unter den 21 festgenommenen Männern befanden sich Krankenpfleger, Lagerarbeiter und ein Polier. Manche von ihnen sind Familienväter. Zahlen zur Größe der Szene sind schwer greifbar. Deutsche Studien ordnen weniger als ein Prozent der Fußballfans den Hooligans zu. Hört sich nach wenig an, doch allein auf Rapid und Sturm Graz, die beiden größten Vereine des Landes hochgerechnet, ergibt das bereits gut 500 Personen, wobei hier nur die offizielle Mitglieder*innen-Anzahl als Augangspunkt hergenommen wird.

Doch wie werden aus Fußballfans kriminelle Schläger? Was sagt das über die Gesellschaft aus? Und was können wir dagegen tun? Darüber hat Simon Fuchs mit dem Sportsoziologen Martin Weiß von der Universität Wien gesprochen.

Grenzgänge: Der Begriff „Hooligan“ wird oft fälschlicherweise als Überbegriff für fanatische Fußballfans bezeichnet. Manche verwechseln dabei Hooligans mit Ultras. Für letztere steht der bedingungslose Support ihrer Mannschaft (durch Fangesänge oder Choreografien) an oberster Stelle, doch auch sie können mitunter gewalttätig werden. Wo zieht man die Grenze zwischen Ultras und Hooligans?

Otmar Weiß: Hooligan kommt aus dem Englischen und heißt Schläger. Darin steckt eigentlich schon die Bedeutung. Es ist die oberste Stufe gewalttätiger „Fußballrowdies“, wobei Hooligans gar nicht so sehr am Sport oder Fußball interessiert sind, sondern primär am Zuschlagen. Ihre Sprache ist Gewalt.

Grenzgänge: Wie kommt es dazu? Wie wird aus einem Fußballfan ein Gewalttäter?

Weiß: Wenn man diese Sprache der Gewalt von klein auf lernt, hat man keine andere Möglichkeit, sich auszudrücken. Kommunikation ist ein Grundbedürfnis des Menschen und die Kommunikation von Hooligans ist auf Gewalt aufgebaut. Wenn Jugendliche schon früh mit Gewalt sozialisiert werden, lässt sich das später schwer wieder umkehren.

Grenzgänge: Liegt die Ursache dafür, ein Hooligan zu werden, wie man aufwächst?

Weiß: Es kann mitunter bereits vor der Geburt beginnen. Es gibt Untersuchungen mit Embryos, die zeigen, dass diese Zeichen von Zärtlichkeit genauso spüren können wie Zeichen von Gewalt. Im ersten Lebensjahr ist der Mensch dann besonders formbar. Wenn hier also schon Gewalt im Spiel ist, ist das sehr problematisch. Studien zeigen, dass Kinder, die mit Gewalt aufwachsen ihr ganzes Leben lang den Drang haben, Gewalt auszuüben.

Jeder Mensch braucht eine Identität, eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“. Diese Antwort muss jede*r für sich selbst finden und auch Hooligans sind auf der Suche danach. Indem sie Gewalt ausüben, wissen sie, wer sie sind. Dadurch finden sie ihre Identität. Und Identität wird durch Sprache bestätigt, was Anerkennung bedeutet. Bereits Kleinkinder kommunizieren mit den Eltern im Bemühen um deren Anerkennung. Menschen steigen auf Berge, komponieren Opern oder Symphonien – alles im Streben nach Anerkennung und Identitätsbestätigung. Das sind Grundbedürfnisse genauso wie Essen und Trinken. Und die erfüllt jeder Mensch auf Basis der Werte und Normen, mit denen man sozialisiert wurde. Das kann Fairness, Bildung oder Demokratie sein, aber genauso gut Gewalt. Wenn man von klein auf nichts anderes gelernt hat, ist das Grundbedürfnis eben, sich über Gewalt auszudrücken.

Zu Otmar Weiß

Otmar Weiß (72) ist Sportsoziologe. Von 2016 bis 2018 leitete er das Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport und seit 2010 ist er Leiter des Lehrgangs Psychomotorik an der Universität Wien. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Sport im Zusammenhang mit Identität, Gesellschaft und Kommunikation. 2003 wurde ihm das große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen

Grenzgänge: Lässt sich das im späteren Leben noch rückgängig machen oder wird manchen Menschen das Gewaltbedürfnis unumkehrbar in die Wiege gelegt?

Weiß: Das Umfeld im frühen Kindesalter ist einmal der wichtigste Ausgangspunkt. Etwa ab dem Schuleintritt spricht man dann von der sekundären Sozialisation. Man identifiziert sich dann nicht mehr nur über das, was man von den Eltern oder sonstigen Bezugspersonen mitbekommen hat, sondern über Gruppen von Gleichaltrigen. Da kann sich der Horizont natürlich sehr erweitern, aber das hängt davon ab, in was für Kreisen man landet. Wenn Gewalt weiterhin die vorherrschende Ausdrucksform bleibt, wird es irgendwann schwierig, diese Jugendlichen zu resozialisieren.

"Die Sprache ist die Vorstufe von Gewalt"

Otmar Weiß

Sportsoziologe

Grenzgänge: Warum landen solche Menschen, dann ausgerechnet beim Fußball? Was hat der überhaupt damit zu tun, wenn es letzten Endes nur um Gewalt per se geht?

Weiß: Diese Menschen suchen anonyme Plätze, wo sie diese Sprache der Gewalt sprechen können. Da bietet sich das Fußballstadion gut an. Dort kann man die Freiräume nutzen, um Gewalt auszuleben und dadurch die eigene Identität aufzubauen und immer wieder zu bestätigen.

© Otmar Weiß

Grenzgänge: Die Fußballfankultur ist stark von Rivalitäten geprägt, bis zu einem bestimmten Punkt lebt sie teilweise sogar davon. Schmährufe gegen die gegnerische Mannschaft, insbesondere gegen deren Anhänger*innen sind im Stadion Standard, enthalten aber nicht selten gewaltverherrlichende Parolen. Steigert es die Gewaltbereitschaft, wenn deren Ausübung bereits über die Sprache transportiert wird?

Weiß: Ja, da ist ein ganz klarer Zusammenhang. Die Sprache ist die Vorstufe von Gewalt. Sie orientiert sich am Verhalten. Sprache und Verhalten gehen Hand in Hand.

"Hooligans geht es mehr um Prestige als um die Verbreitung bestimmter Ideologien."

Otmar Weiß

Sportsoziologe

Grenzgänge: Im Rechtsextremismusbericht des DÖW werden mehrere Fußball-Hooligangruppen im Zusammenhang mit rechtsextremen Straftaten genannt. Darunter Gruppen der Wiener Austria, des Grazer AK und des Floridsdorfer AC. Kann man österreichische Hooligan-Gruppen politisch einordnen?

Weiß: Ich würde keine konkrete Zuordnung zu politischen Ideologien treffen. Das ist auch gar nicht die Ursache des Hooliganismus, sondern viel eher eine Begleiterscheinung. Hooligans wollen provozieren. Dabei wählen sie bewusst politische Inhalte, die aufregen oder polarisierend sind, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie suchen ja die Anerkennung. Und wenn sie in Handschellen abgeführt werden, zeigen sie gewissermaßen, was sie sich getraut haben und bekommen diese Anerkennung.

Grenzgänge: Das heißt, Überschneidungen von Hooligan-Gruppen mit rechtsextremen Bewegungen sind mehr Mittel zum Zweck als ideologiegetrieben?

Weiß: Ganz genau. Ich will nicht behaupten, dass sie politisch ungefährlich sind, aber sie sind im politischen Spektrum eigentlich nicht von großer Bedeutung. Das Ausüben radikaler Inhalte dient eher der Provokation, weil die Gesellschaft in diesen Punkten sensibel reagiert. Es ist Anerkennungsstreben im negativen Sinn. Hooligans geht es mehr um Prestige als um die Verbreitung bestimmter Ideologien.

Grenzgänge: Welche Rolle spielen Frauen in der Hooligan-Szene?

Weiß: Die Szene ist eindeutig männlich. Frauen sind in vielen Gruppen gar nicht „zugelassen“.

Grenzgänge: Bei der Verbreitung von extremen bis extremistischen Ansichten spielen die sozialen Medien und ihre Algorithmen und Filterbubbles mittlerweile eine große Rolle. Ist das in der Hooligan-Szene ähnlich?

Weiß: Die sozialen Medien vereinfachen Kommunikation und soziale Anerkennung, weil sich die Szene leicht vergrößern kann und dadurch ein breiteres Publikum erreicht wird. Die eigenen Aktionen werden über Social Media multipliziert und rufen innerhalb der Szene potenziell positive Reaktionen hervor. Es entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl. Jede*r Einzelne kann dadurch mit größerer Anerkennung rechnen.

Grenzgänge: Manche sehen Hooliganismus als gar nicht so schlecht an, weil Menschen, die Aggressionen, die sie in sich tragen, unter sich auslassen, indem sie sich auf Wiesen oder abgelegenen Parkplätzen einvernehmlich aufeinander einschlagen, anstatt dies im alltäglichen öffentlichen Leben zu tun, wo Außenstehende zu Schaden kommen. Können Sie diesem Standpunkt etwas abgewinnen?

Weiß: Nein. Es ist ja nicht so, dass Hooligans ihr Gewaltbedürfnis ausschließlich untereinander auf Wiesen und Ackern befriedigen. Das ist nur die „Königsdiziplin“. Sie sind auch im Alltag gewalttätig. In der Schule, in Lokalen und so weiter. Die Umgebung wird also sehr wohl in Mitleidenschaft gezogen. Es gibt heute schon in fast jeder Schulklasse Kinder, die nur diese Sprache der Gewalt gelernt haben und dadurch andere terrorisieren. Dafür müssen sie gar nicht unbedingt Fußball-Hooligans werden. Das ist ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem.

Grenzgänge: Das bringt uns abschließend zur Gretchenfrage: Was kann die Gesellschaft dagegen tun? Nur repressive Maßnahmen sind ja selten eine nachhaltige Lösung.

Weiß: Wie schon eingangs erwähnt, hängt es von der Sozialisierung ab. Für alles muss man heutzutage einen Führerschein machen, aber nicht für Elternschaft und Familie. Jeder kann quasi zu jeder Zeit eine Familie gründen, aber viele sind nicht gut genug darauf vorbereitet. Es wäre wichtig, dass hier Programme entwickelt werden, die verständlich machen, was es bedeutet, eine Partnerschaft einzugehen und eine Familie zu gründen. Denn da kommt es ganz automatisch zu neuen Lebenserfahrungen, Spannungen und Situationen, denen man nicht gewachsen ist. Das wirkt sich dann meistens auf die Schwächsten in diesem Gerüst aus – die Kinder. Da muss im Sozialbereich investiert werden, um Eltern darauf vorzubereiten, wie man mit Kindern umgeht und jede Form von Gewalt dabei vermeidet. Dann kann es möglich sein, ein humanes und gewaltfreies Zusammenleben zu gewährleisten.

Grenzgänge: Vielen Dank für das Gespräch

Weiß: Sehr gerne!

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