©Timo Buchhaus

#flucht

"Ich will mein Leben nicht damit verbringen mich zu verstecken"

Ein Interview von Timo Buchhaus

Dauer: 8 min. 

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs dürfen wehrpflichtige Männer die Ukraine nicht mehr verlassen. Dennoch gelingt vielen die Flucht: Verteilt über ganz Europa leben inzwischen hunderttausende ukrainische Männer im wehrfähigen Alter. Täglich kommen neue hinzu. Der 23-jährige Mykola ist einer von ihnen.

Sechs Uhr morgens. Mykola steht auf einem Parkplatz am Rande Kyivs. Wie besprochen, sendet er die Nachricht ab. Ein Wagen taucht auf, Mykola steigt ein. Drinnen sitzen schon einige andere Männer. Sie alle haben vor, die ukrainische Grenze zu überqueren. In aller Heimlichkeit. Denn wehrpflichtige Männer dürfen, seit der russische Angriffskrieg tobt, nicht mehr das Land verlassen. Sie machen sich auf in Richtung Süden. Wechseln das Auto in regelmäßigen Abständen. Bleiben unerkannt. Am Abend lässt man sie auf einem Feld raus. Sie warten. Stunden. Dann endlich geht es weiter. In einer alten sowjetischen Rostlaube brettern sie über die Felder. Immer weiter auf die Grenze zu. Den Scheinwerfern der Grenzwache weicht der Fahrer geschickt aus. Mykola hat keine Angst. Er weint. Verabschiedet sich von seinem Heimatland. Als sie ein Waldstück erreichen, geht es zu Fuß weiter. Am Grenzzaun ist eine Leiter vorbereitet.

 

Auf der anderen Seite wartet schon ein Mann auf Sie. Er hebt seine Arme zur Willkommensgeste und sagt auf russisch: ”Willkommen im Zauberland, meine Herren!” Mykola sieht hinauf in den Nachthimmel. Er ist in Transnistrien. Der abtrünnigen Repuplik Moldawiens, die seit den 90ern von Russland besetzt wird. Eine Nacht lang wird er, wie jeder, der mit ihm den Grenzzaun überquert hat, ins Gefängnis gesteckt. Pro Forma. Er wird verhört. Zweimal. Habe er Militärangehörige? Nein. Irgendwelche wertvollen Informationen? Nein. Er hat nichts, weiß nichts, sagt nichts. Er gerät in Streit mit einem russischen Beamten. Ist es ein Krieg oder eine Spezialoperation? Ein Krieg. Wie würde Mykolas Heimatgemeinde reagieren, wenn russische Truppen kämen? Widerstand. Am Tisch des Beamten liegt eine Pistole. Show. Man lässt Mykola gehen. Stempelt seinen Pass. Er nimmt einen Bus nach Moldawien. Dann nach Tschechien. Er ist frei.

Grenzgänge: Gab es einen bestimmten Moment, in dem du dir gedacht hast: „Okay, ich verlasse jetzt mein Heimatland.”?

Mykola: Ja. Das war der Moment, in dem ich gecheckt habe: Fast alle meine Freunde sind weg. Das war im Januar 2024. Es wurde damals immer schwieriger, das Land zu verlassen, deswegen begann ich nach Möglichkeiten zu suchen, bevor es zu spät ist.

Transnistrien ist ein schmaler Landstreifen zwischen Moldawien und der Ukraine, der sich entlang der Dnister-Ufer erstreckt. Seit den frühen 1990er Jahren wird die Region von Russland kontrolliert, obwohl sie international als Teil Moldawiens anerkannt ist. Die Grenze zu Transnistrien ist streng überwacht, aber Schleppernetzwerke und Korruption ermöglichen trotz der Risiken das Überqueren für Menschen auf der Flucht.

Grenzgänge: Du sagtest, dass es immer schwieriger wurde das Land zu verlassen. Wie hast du es dennoch geschafft?

Mykola: Ich habe Kontakte zu einer Gruppe geknüpft, die Menschen dabei hilft, über die Grenze zu kommen. Es hat mich auch eine Menge gekostet. Viele von denen, die vor mir gingen, haben nur ein paar Hundert Euro für die Flucht bezahlt. Bei mir waren es schon 12.000. Bevor es losging, wusste ich nicht viel. Ich wurde von ständig wechselnden Nummern informiert und wusste eigentlich nur Zeit, Treffpunkt und dass es über Transnistrien gehen soll.

Grenzgänge: Transnistrien ist von Russland besetzt. Warum habt ihr ausgerechnet dort die Grenze überquert?

Mykola: Ich weiß, es eigentlich nicht genau. Es gibt einige Routen. Man kann es auf eigene Faust durch die Berge versuchen. Oder man macht es so wie ich, und bezahlt einige Leute. Dass es über Transnistrien funktioniert, ist kein Geheimnis. Die dortige Polizei ist selbst Teil der ganzen Sache.

Grenzgänge: Warum hast du die Ukraine letztendlich verlassen?

Mykola: Ich habe die Entscheidung im Grunde deswegen getroffen, um mein eigenes Leben zu retten. Die Suche nach Männern für die Front wurde, zumindest als ich noch in der Ukraine war, immer intensiver. Ich wollte mein Leben nicht damit verbringen, mich vor der Mobilisierungsbehörde zu verstecken.

Grenzgänge: Warum willst du nicht an die Front?

Mykola: Krieg führt zu Tod. Zu Trauma und Amputationen und dem ganzen Scheiß. Wer an die Front geht, muss töten oder er wird getötet. Das will ich nicht.

Wenn man mobilisiert wird, dann gehört man der Armee. Bis der Krieg vorbei ist oder man stirbt. Ich bin gerade erst 23 geworden, ich habe noch ein langes Leben vor mir

"Es gibt ein ukrainisches Wort für uns: Uchylyant. Das heißt übersetzt soviel wie Ducker, also jemand der sich drückt oder wegduckt"

Mykola

Grenzgänge: Kann man nicht erst ab 25 einberufen werden?

Mykola: Ja, das stimmt. Aber es war vorher auch mal 27 und wurde dann herabgesetzt. Ich hatte kein Vertrauen darin, dass es dabei bleibt.

Grenzgänge: Machst du dir manchmal Sorgen, dass dein illegaler Grenzübertritt Folgen nach sich ziehen könnte, solltest du einmal zurück in die Ukraine gehen?

Mykola: Das eigentlich nicht, ich bin kein Soldat, nur einer von vielen, vielen Flüchtlingen. Ich glaube nicht, dass man sich sonderlich für mich interessiert.

Aber ich hätte ungern, dass irgendjemand weiß, dass ich mit transnistrischen Behörden kooperiert habe.

Grenzgänge: Wie stehen deine Landsleute generell dazu? Also zu Männern, die den Kriegsdienst verweigern und fliehen?

Mykola: Es gibt ein ukrainisches Wort für uns: Uchylyant. Das heißt übersetzt soviel wie Ducker, also jemand der sich drückt oder wegduckt um dem Dienst in der Armee zu entgehen. So sehen uns viele. 

Es gibt aber natürlich auch noch die anderen. Viele Männer in meinem Alter sind geflohen, beinahe jeder wird wohl jemanden kennen. Ich denke jedenfalls nicht, dass es uns die Zukunft in der Ukraine verbaut, sollten wir jemals zurückkommen können. 

Da kommt hinzu, dass ich ja offiziell auch noch gar nicht mobilisiert werden könnte. Sie finden wohl, dass man mit 23 noch etwas mehr vom Leben sehen sollte. Dem stimme ich natürlich zu.

Grenzgänge: Willst du zurück?

Mykola: Ja. Ich habe mich eigentlich nie damit identifiziert Ukrainer zu sein. Das kam erst, als ich das Land verlassen habe.

Grenzgänge: Und glaubst du, dass du eines Tages wieder zurückgehen wirst? 

Mykola: Ja. Definitiv.

Grenzgänge: Was macht dich da so sicher?

Mykola: Definitiv keine rationalen Gründe. Ich glaube einfach daran. Und dann auf der anderen Seite: Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist mein Zuhause ja auch nicht da wo ich geboren wurde, sondern da wo ich jetzt grad eben bin.

"Die Menschen in Europa sprechen gerne über kollektive Verantwortung. Dabei vergessen sie, dass es auch ihr Geld ist, das Russlands Krieg weiterhin finanziert."

Mykola

Grenzgänge: Wie findest du es hier in Europa?

Mykola: Ich bin mittlerweile viel herumgereist und es gefällt mir. Aber ich kann nicht sagen, dass ich es mag, hier zu leben. In der Ukraine ist alles irgendwie archaischer. Man kann in einen Wald gehen, den fast nie jemand betritt, oder etwas in Besitz nehmen, weil es noch niemand anderer für sich beansprucht. Das sieht man auch im Kultur-, und Nachtleben. Es ist viel kompetitiver, bestimmt auch unfairer aber eben irgendwie lebhafter. Außerdem gab es, zumindest in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, immer dieses Gefühl von Hoffnung.

Hier in Europa ist alles sehr bürokratisch. Es wirkt für mich so, als hätten die Menschen ihren eigenen Willen an die Regierung abgegeben, damit jemand Klügeres für sie entscheidet.

Grenzgänge: Wurdest du hier willkommen geheißen?

Mykola: Ich würde sagen, dass ich weder eine besonders schlechte oder eine gute Behandlung bekomme. Das einzige, was mich abhebt, ist die Sprachbarriere. 

Manchmal werde ich nach dem Krieg gefragt, aber meistens ist das nur Höflichkeit. Die meisten Menschen sprechen eben nicht gern über den Krieg.

Grenzgänge: Woran liegt das, denkst du?

Mykola: Es ist eben ein unangenehmes Thema. Ich merke, dass das Interesse am Krieg und auch die Unterstützung für mein Land generell nachlassen. Dabei wird der Krieg immer schrecklicher, und es gibt absolut kein Zeichen dafür, dass er bald endet. 

Die Menschen in Europa sprechen gerne über kollektive Verantwortung. Dabei vergessen sie, dass es auch ihr Geld ist, das Russland reich gemacht hat und diesen Krieg weiterhin finanziert.

Grenzgänge: Gibt es etwas, das du unseren Lesern sagen möchtest?

Mykola: Ja. Vergesst nicht auf uns, oder Russland wird euch eines Tages daran erinnern. Dann werden es aber keine Flüchtlinge sein, die euch etwas kosten oder Hilfslieferungen, sondern russische Raketen, die in eure Wohnhäuser einschlagen.

Grenzgänge: Vielen Dank für das Gespräch.

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