© Ruben Neugebauer Sea-Watch e.V.

#seenotrettung

"Aus Zahlen wieder Menschen machen"

Ein Interview von Hanna Kastner

Dauer: 10 min. 

05.01.2026

Seenotrettungen zwischen Routine, Wettrennen und politischer Repression: Lorenz Schramm ist seit 2017 Teil von der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea-Watch. Im Interview erzählt er von Nächten voller Benzingeruch, von Menschen, die einen Grenzgang über das Mittelmeer wagten, und der Hoffnung, eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden.

Grenzgänge: Du bist seit rund neun Jahren bei Sea-Watch tätig. Wie wurdest du Teil der Initiative?

Lorenz Schramm: Ich habe 2012 oder 2013 zum ersten Mal von den Grenzen gehört. Ich dachte mir, es ist verrückt: die große Distanz, die Menge an Menschen und die Art, wie Europa handelt. Es klang völlig absurd, dass man dagegen irgendwas tun könnte.

Ich begann als Deckarbeiter ohne Wissen über Schiffe, kochte zeitweise, auch in der Werft, und im November 2017 fuhr ich als Krankenpfleger auf meine erste Rotation (einzelner Einsatzzeitraum, Anm.). Für mich wurde es immer spannender, die Zusammenhänge zu begreifen: Wer flieht da? Was sind das für Menschen? Was sind deren Bedürfnisse? Und wie groß sind diese rassistischen Struggles (Kämpfe, Anm.) in der Welt?

Sea-Watch ist ein deutscher, spendenfinanzierter Verein, der seit 2015 – dem Jahr der Flüchtlingsbewegung nach Europa – Seenotrettungen im zentralen Mittelmeer durchführt. Die Fluchtroute über das Mittelmeer gilt bis heute als eine der tödlichsten und gefährlichsten weltweit. Der Verein ist mit den Schiffen Sea-Watch 5 und Aurora im Einsatz. Zusätzlich betreibt Sea-Watch die Flugzeuge Seabird 1, 2 und 3, welche Seenotfälle lokalisieren und Menschenrechtsverletzungen dokumentieren.

Grenzgänge: Wer sind die Menschen auf der Flucht, die du kennenlernst?

Schramm: Ich glaube, das ist mit die schwierigste Frage, die du stellen kannst. Sea-Watch postet immer, an wie vielen Rettungen wir bereits beteiligt waren. Dahinter stehen genauso viele Einzelgeschichten und ebenso viele Einzelkämpfe.

Jeder dieser Mensch hatte ein Leben irgendwo – vielleicht eine Familie, eine Arbeit, einen Stand in der Gesellschaft. Die Mischung aus Leuten, die ich kennengelernt habe, reicht bis hin zu Personen, die in Doha für die WM Stadien gebaut haben und vor den sklavenähnlichen Zuständen geflohen sind.

Doch dann kam diese Flucht und für einige das rassistische System in Libyen, eine Entmenschlichung und massive Menschenrechtsverletzungen dazu. Aus einer Person mit einem Namen und einer Familie wurde eine Zahl. Doch dann treffen Leute auf uns, und wir sind wieder interessiert, vor allem daran, wer die Menschen sind.

Wie reagieren diese Menschen auf dich und die restliche Sea-Watch Crew?

Schramm: Sie sind offen. Viele erlebten Menschenrechtsverletzungen und vertrauen trotzdem Fremden, gerade weißen Personen, trotz der Kolonialgeschichte und dem Neokolonialismus. Das Vertrauen finde ich bis heute jedes Mal beeindruckend und tief bewegend.

Lorenz Schramm
© Paul Lovis Wagner Sea-Watch e.V.

Zu Lorenz Schramm

Schramm kommt ursprünglich aus Süddeutschland und ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger. Seit 2017 arbeitet er als Deckarbeiter, Koch oder Gastkoordinator bei Sea-Watch. Derzeit ist er meist zweimal pro Jahr für rund sechs Wochen an Bord eines Rettungsschiffs. In seiner heutigen Stelle, dem Gastkoordinator, ist er für logistische Fragen zu neuen Entwicklungen oder Anpassungen verantwortlich.

Grenzgänge: Sea-Watch führt nicht als einzige Organisation Seenotrettungen im Mittelmer durch. Was unterscheidet die Mission und Arbeit von Sea-Watch von staatlichen Küstenwachen?

Schramm: Der größte Unterschied ist unser Menschenbild und die Solidarität mit Menschen „on the move“. Staatliche Stellen haben die Pflicht zu retten und tun das auch. Aber die Grenzpolitik und die rassistischen Asylgesetze starten an Bord von diesen Schiffen. Deswegen ist unsere Arbeit fundamental unterschiedlich und könnte auch nicht unterschiedlicher sein. Gleichzeitig ist nicht jedes Schiff der italienischen Küstenwache voll mit Rassist*innen. Es gibt Personen, mit welchen wir gern zusammenarbeiten und die Arbeit sehr professionell und fürsorglich gegenüber Personen „on the move“ ist. Aber das sind Individuen, die den Unterschied machen, und nicht Strukturen.

Unser Ziel ist, einen sicheren Rahmen herzustellen, in dem Personen kurz Pause machen können, vor dem ganzen Rassismus von Europa. Wir versuchen, Personen eine Atempause und ein paar Tage mit genügend Essen zu ermöglichen, ihnen Informationen zu Asylrecht zu geben, ein freundliches Gesicht zu sein, mit dem sie sich auch einfach mal wieder über Fußball unterhalten können.

Grenzgänge: Wie lang dauert eine eurer Rotationen?

Schramm: Derzeit sind es durchschnittlich sechs Wochen. Eine Rotation beginnt mit einer Woche im Hafen: Wir trainieren alles, von Feuer löschen bis zur Arbeit mit den Menschen, die wir an Bord nehmen.

Dann fahren wir nach Süden und sind meistens vier Wochen unterwegs, wenn uns Italien nicht stoppt. Sobald wir in der Search-and-Rescue-Zone sind, suchen wir mit Ferngläsern den Horizont ab. Zusätzlich haben wir ein Radar, Informationen von italienischen Behörden und Informationen über das, was unsere Flugzeuge sehen. Manchmal wissen wir von Fällen, nach denen suchen wir – in diesem Moment befinden wir uns in einem Wettrennen mit den libyschen Milizen.

Grenzgänge: Ein Wettrennen?

Schramm: Es ist ein Hase-und-Igel-Wettrennen. Wir sind deutlich besser ausgerüstet, besser trainiert, aber unser Schiff, gerade die Sea-Watch 5, ist viel, viel langsamer als die Boote der libyschen Küstenwachen. Wenn es um Geschwindigkeit geht, verlieren wir das Wettrennen immer. Zusätzlich ist das Gefahrenlevel für uns und für andere NGO-Schiffe nach den Shootings (im August 2025, Anm.) auf die Ocean Viking (NGO-Schiff, betrieben von SOS Méditerranée, Anm.) gestiegen. Deshalb ist das Wettrennen auf zwei Ebenen unfair. Gleichzeitig können wir Rettungen durchführen, weil wir super trainiert sind und unsere Einsatzorte sorgfältig auswählen.

© Jana Bauch Sea-Watch e.V.

Grenzgänge: Eine Rotation kann früher als geplant enden, warum?

Schramm: In den letzten Jahren gab es viele verschiedene Repressionsstrategien. Derzeit beschreiben zwei italienische Gesetze im Zivilrecht genau wie eine Rettung abzulaufen hat. Wir dürfen nur eine Rettung durchführen und müssen anschließend auf direktem Weg zu diesem Hafen fahren. Werden wir aus irgendeinem Grund langsamer, weil im Süden zum Beispiel ein weiterer Fall ist, handelt es sich um eine Verzögerung zu dem jeweiligen Port of Safety (sicherer Hafen, Anm.) Zusätzlich müssen wir mit allen relevanten Behörden, die in die Rettung involviert sind, kooperieren. Das schließt die libysche Küstenwache mit ein, von der wir bereits unzählige Menschenrechtsverletzungen dokumentierten und die deshalb kein Partner für uns ist. Kooperieren wir nicht, können wir festgesetzt werden.

Grenzgänge: Festgesetzt?

Schramm: Wir fahren immer noch in den Hafen. Italienische Behörden kommen an Bord und wenden manchmal die beiden Gesetze an. Das Ergebnis ist, dass wir für 20 Tage und eine gewisse Geldsumme gestoppt werden.

Unsere neue Strategie mit der Justice Fleet (Allianz ziviler Such- und Rettungsorganisationen, Anm.) schließt jede Kooperation mit der libyschen Küstenwache aus. Wahrscheinlich werden wir deshalb häufiger festgesetzt, aber wir sind nicht mehr Komplizen der brutalen Grenzpolitik.

Grenzgänge: Du warst bis vor kurzem auf der Sea-Watch 5. Wie sieht ein typischer Einsatztag aus?

Schramm: Wir sind stundenlang auf Ausschau: Während Tageslicht suchen vier Crewmitglieder permanent mit Ferngläsern den Horizont in alle Richtungen ab. Alle Personen, die gerade nicht arbeiten, schlafen oder treffen letzte Vorbereitungen. Das kurze Tageslicht im Winter ist eine extra Herausforderung. Wir haben häufiger Nachtrettungen, und diese sind immer komplizierter als Rettungen am Tag.

Grenzgänge: Warum?

Schramm: Man kann weniger schnell verstehen, was in der Umgebung passiert. Wie verhält sich zum Beispiel die libysche Küstenwache? Sind Personen im Wasser? All das ist schwieriger zu sehen und somit komplizierter.

Grenzgänge: Zurück zu einem typischen Einsatztag.

Schramm: Es ist ein sehr, sehr strukturierter Alltag, viele Routinen bis hin zur Langeweile – gerade, wenn man tagelang niemanden findet.

"Die Personen berichteten später, dass sie mit Waffen gezwungen, wurden an Bord der libyschen Küstenwache zu kommen."

Lorenz Schramm

Mitglied der Sea-Watch Crew

Grenzgänge: Wie die läuft eine Rettung eines Bootes ab?

Schramm: Im Moment der Rettung und nach der Rettung läuft weiterhin viel über Routinen. Zwei Rettungen, die wir bei meiner letzten Rotation durchführten, sind charakteristisch:

Unsere erste Rettung war ein Gummiboot mit 30 Leuten an Bord. Die sogenannte libysche Küstenwache war mit einem kleinen Boot die gesamte Zeit vor Ort. Aber wir befanden uns an der Grenze zwischen der libyschen und tunesischen Search-and-Rescue-Zone. Nach einer Risikoanalyse haben wir entschieden unsere Schnellboote ins Wasser zu lassen.

Trotzdem haben wir das Rennen im ersten Moment verloren. Die Personen berichteten später, dass sie mit Waffen gezwungen wurden, an Bord der libyschen Küstenwache zu kommen. Wir selbst haben keine Waffen gesehen. Aber wir konnten die libysche Küstenwache davon überzeugen, die Rettung selbst durchführen zu dürfen, immerhin war deren Boot zu klein. Die Personen waren noch nicht lang unterwegs. Wir waren auf dem Weg nach Norden, das Wetter war schlecht. Mitten in der Nacht kam ein „Close Rescue Call“ von der Brücke.

Grenzgänge: Die zweite Rettung.

Schramm: Dieser Moment ist lebensgefährlich – es könnte ein Unfall zwischen unserem großen Schiff und dem Gummiboot passieren. Die 70 Personen auf dem Boot, waren schon 24 Stunden unterwegs. Man bemerkt sofort den Geruch nach Benzin, er ist überall. Die Personen haben offene Benzinkanister dabei, sind dem Geruch ausgesetzt und deren Klamotten sind teilweise in Benzin getränkt – es kann zu chemischen Verbrennungen kommen. Es war zwei Uhr morgens, mitten in der Nacht und alle waren wach. 

© Oliver Kulikowski Sea-Watch e.V.

Grenzgänge: Wie laufen die Tage nach einer erfolgreichen Rettung ab?

Schramm. Einer von unseren stärksten Gedanken ist, dass wir unseren Gästen Struktur bieten wollen, es soll absolut berechenbar sein, was wann passiert. Die Routine bleibt, wir machen nur andere Dinge.

Die Gäste an Bord kommen meist aus der ganzen Welt, die wenigsten Sprachen sprechen wir selbst. Wir sprechen immer Englisch, Arabisch und Französisch. Wir versuchen möglichst viele Informationen zu vermitteln. Zwischen Mittag- und Abendessen organisieren wir Aktivitäten. Nach einer ersten Erholung teilen wir hauptsächlich Informationen zu Asyl und dazu, was in Europa passiert. Aber Aktivitäten sind auch Kartenspiele, ein Barbershop, Wäsche waschen, eine erneute Verteilung von Sachen, die Personen vielleicht noch brauchen könnten. Und unser Krankenhaus ist zweimal täglich geöffnet.

Wir merken, wie anstrengend es gewesen sein muss – die Personen schlafen unglaublich viel. So gehen die Tage dahin, meist sind wir nach drei bis vier Tagen in Italien.

© Stefano Belacchi Sea-Watch e.V.

Grenzgänge: An welchen Hafen legt ihr an?

Schramm: Manchmal bekommen wir einen Hafen auf Sizilien zugewiesen und sind superglücklich. Aber derzeit ist es ein Trend, dass uns Häfen nördlich von Rom zugeteilt werden.

"Ich weiß nicht, ob wir weniger geworden sind, aber die anderen sind auf jeden Fall mehr geworden."

Lorenz Schramm

über aktuelle Entwicklungen

Grenzgänge: Im September jährte sich Flüchtlingsbewegung 2015 zum zehnten Mal. Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Schramm: Ich sehe wirklich wenig Verbesserungen. Das gesellschaftliche Klima ist viel schlimmer geworden. Heute ist es völlig okay zu sagen, dass die Externalisierung von Europas Grenzen tödlich sein kann – es ist normal geworden.

Grenzgänge: Welche weiteren Veränderungen hast du beobachtet?

Schramm: Wir haben das Gefühl keine Verbündeten mehr zu haben in dem Kampf für offene Grenzen und für eine Welt, in der Flucht und Freiheit dazugehören und ein wesentlicher Bestandteil von Menschheit ist.

Unser Thema sind Fluchtbewegungen im zentralen Mittelmeer. Aber wie viel höher sind Grenzen auf dem Balkan geworden? Wie sehr haben sich Asylgesetze in Europa verändert? Wie werden Abschiebedebatten geführt? Warum werden Personen nach Afghanistan und Syrien abgeschoben? Alle wissen, dass es Bürgerkriegsländer sind, die komplett zerstört sind und Freiheitsrechte, zumindest in Afghanistan, kein Thema sind.

Grenzgänge: Was macht das mit dir?

Schramm: Hätte mir jemand die Gegenwart vorhergesagt, hätte ich gesagt, das ist völlig dystopisch. Aber es ist unsere Realität: Es gib nur mehr wenig Akteur*innen, die für Bewegungsfreiheit eintreten: Sea-Watch, andere Search-and-Rescue-NGOs und viele kleine Organisationen auf dem Balkan. Ich weiß nicht, ob wir weniger geworden sind, aber die anderen sind auf jeden Fall mehr geworden.

"Ein faire Weltordnung für alle Menschen auf der Welt, unabhängig von ihrer Hautfarbe und ihrer Herkunft."

Lorenz Schramm

Gastkoordinator bei Sea-Watch

Grenzgänge: Seit Jahren kritisiert Sea-Watch Frontex in der Öffentlichkeit und dokumentiert mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache. Welche Erfahrungen macht Sea-Watch mit Frontex?

Schramm: Im zentralen Mittelmeer hat Frontex, als ich angefangen habe (2017, Anm.), auch Rettungen durchgeführt. Heute hat Frontex im zentralen Mittelmeer vor allem Drohnen und Flugzeuge, sodass sie keine Rettungen durchführen können und auch keine Rettungen durchführen müssen. In der Vergangenheit wurde bewiesen, dass Frontex Flugzeuge Positionen direkt an die sogenannte libysche Küstenwache weitergeben. Dadurch können Pullbacks nach Libyen stattfinden, von denen wir nicht mal erfahren. 

Grenzgänge: Die EU stellte der libyschen Küstenwache wiederholt Gelder zu Verfügung. Wie bewertest du das?

Schramm: In den letzten Jahren sind die Debatten völlig wild geworden: Niemand versteckt die Absichten, dass Personen einfach gar nicht erst auf dem europäischen Kontinent ankommen sollen und, dass dafür jede Maßnahme okay ist.

"Aus Nummern wieder Menschen machen."

Lorenz Schramm

über seine Motivation

Grenzgänge: Sea-Watch verfolgt langfristig das Ziel, überflüssig zu werden – weil es sichere und legale Fluchtwege gibt. Was müsste konkret geschehen, damit diese Vision Realität wird?

Schramm: Ein faire Weltordnung für alle Menschen auf der Welt, unabhängig von ihrer Hautfarbe und ihrer Herkunft, aber das ist derzeit wirklich utopisch. Im Moment würde schon ein Ende der Finanzierung eines libyschen, türkischen oder tunesischen Grenzregimes und eine Finanzierung von direkten Fluchtwegen nach Europa Veränderung schaffen. Das wäre auch eine Veränderung im Solidaritätsgedanken der europäischen Gesamtgesellschaft: Migration und Flucht nicht als etwas Bedrohliches und Schreckliches, sondern als etwas Spannendes, das zur Menschheitsgeschichte dazugehört.

Grenzgänge: Deine Arbeit ist von vielen Herausforderungen und negativen Aspekten geprägt. Was motiviert dich dennoch, weiterzumachen?

Schramm: Ich denke, es ist die Art, wie wir es schaffen, aus Nummern wieder Menschen zu machen, einzelne Momente auf Augenhöhe zu erzeugen, Menschen wieder Menschen sein zu lassen und einen Widerstand gegenüber dem Rechtsruck zu bilden – das motiviert mich, weiterzukämpfen.

Grenzgänge: Vielen Dank für das Gespräch.

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