#nahost
Ein Interview von Hanna Kastner
Dauer: 9 min.
13.11.2025
Osama Zatar kennt Grenzen seit seiner Kindheit: als Checkpoints im Westjordanland, als Blockaden in seinem Dorf, als Bürokratie in Europa. Heute lebt der Künstler und Aktivist in Wien und ist Teil der jüdisch-palästinensischen Organisation „Standing Together“. Im Interview spricht er über Trauma und Kunst, Dialog statt Gewalt – und über seine Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben in Israel und Palästina.
Grenzgänge: Du bist in einem Dorf im Westjordanland in der Nähe von Ramallah aufgewachsen. Wie präsent waren Grenzen deiner Kindheit?
Osama Zatar: Als Kind ist die erste Grenze der Garten deines Nachbarn. Ich glaube, es ist normal für viele Kinder, dass sie Grenzen nicht einhalten können – ich war auch eines von dieser Kinder.
Grenzgänge: Wann hast du die Grenzen zwischen Israel und Palästina zum ersten Mal bewusst wahrgenommen?
Zatar: Wenn Soldaten normalerweise zu einem Dorf kommen, verriegeln sie das Dorf. Das bedeutet du darfst nicht mehr in das Dorf rein, aber auch, dass du hier nicht mehr fahren darfst. Aber du musst irgendwie nach Hause kommen und deshalb musst du dir einen anderen Weg suchen – einen Umweg.
Grenzgänge: Wie alt warst du damals?
Zatar: Das erste Mal war ich neun Jahre alt und dieses Mal war es umgekehrt – israelische Soldaten wollten mit Jeeps und Bulldozern in mein Dorf fahren und Aktivisten haben die Straße zum Dorf versperrt. Die Soldaten sind zu meinem Haus gekommen und haben mir und meiner Mutter erklärt, dass wir die Blockade aufmachen müssen – wir sollten die Steine und Müllcontainer entfernen.
Grenzgänge: Habt ihr die Blockade entfernt?
Zatar: Wir mussten das machen. Deshalb habe ich das gemacht, leider.
Zu Osama Zatar
Osama Zatar ist Palästinenser, Künstler und Aktivist. Er ist in einem Dorf in der Nähe von Ramallah im Westjordanland aufgewachsen. Später heiratete er eine jüdische Israeli, zog zunächst nach Berlin und lebt sei 2008 in Wien. Er ist Teil des Künstler*innenkollektivs „OneState Embassy“ und der jüdisch-palästinensischen Organisation „Standing Together“.
Grenzgänge: Welche positiven Aspekte haben Grenzen für dich?
Zatar: Es gibt ein Sprichwort eines amerikanischen Schriftstellers. Er hat geschrieben, dass gute Grenzen gute Nachbarn machen. Aber ich glaube Grenzen teilen die Leute, nicht nur physisch, sondern auch im Kopf.
Osama Zatar
palästinensischer Künstler und Aktivist
Grenzgänge: Was meinst du damit?
Zatar: Ich glaube, aus physischen Grenzen kann jede Person ausbrechen oder in sie eindringen. Nationale Grenzen sind nur Steuer-Grenzen – sie haben nichts mit Schutz zu tun. In jedem Krieg sehen wir, dass Grenzen keinen Schutz bieten – besonders in Israel. Dort wurde so viel in die Grenze zum Gazastreifen investiert, und es hat am Ende nicht geholfen.
Grenzgänge: Wie haben Checkpoints – die Grenzkontrollen der israelischen Armee – dein alltägliches Leben beeinflusst?
Zatar: Meine Hochschule war in Jerusalem. Ich musste jeden Tag dort hin und wieder zurückfahren. Aufgrund der Checkpoints, ich habe versucht eine Schule zu finden, wo ich schlafen kann. Deshalb konnte ich meine Eltern für einen oder zwei Monate nicht sehen.
Grenzgänge: In deiner Kunst, deinen Skulpturen, verarbeitest du unter anderem Traumata aus deinem Leben im Westjordanland. Was war dein prägendstes Erlebnis?
Zatar: Die Zeit der ganzen Intifada war für mich ein Trauma und gleichzeitig ein Spiel. Ich wusste nicht wirklich was passiert – ich war ganz jung. Einmal kamen israelische Soldaten in mein Dorf. Die Leute verriegelten alles, manche kämpften und meisten versteckten sich.
Am Abend kamen viele Leute, Aktivisten mit vermummten Gesichtern und haben immer Graffiti gemacht, gegen unser Haus und eine Mauer. Um Mitternacht kamen Soldaten zu unserem Haus und befahlen mir und meiner Mutter, das Graffiti weiß zu übermalen. Aber die Aktivisten haben ihre Spraydosen liegen gelassen und es was noch ein bisschen Farbe drin. Am nächsten Tag habe ich meine Kunst gemacht und es war lustig – ich habe einfach Emojis gemacht, einen Smiley. In der nächsten Nacht kamen wieder Soldaten und ich musste es erneut übermalen.
Grenzgänge: Du hast nach der Schule auf einem Markt in Israel gearbeitet und dementsprechend auch die Grenze zwischen Israel und Palästina überquert. Welche Hürde musstest du dafür überwinden?
Zatar: Es war für mich auch ein trauriger Tag, denn meine Eltern konnten meine Schule nicht mehr bezahlen. Deshalb musste ich irgendwo arbeiten. Ich habe mir ein Semester frei genommen, aber das habe ich meinen Eltern nicht erzählt. Und dann habe ich gefragt, wie man nach Israel fahren kann.
Ich bin in einem großen Auto nach Israel gefahren, aber ich war hinten versteckt – ich habe den Weg nicht gesehen. Am nächsten Tag stand ich auf einem Markt, um Essen zu verkaufen.
Grenzgänge: Was war deine erste Erfahrung in Israel?
Zatar: Ich habe geglaubt, dass ich dort arbeite, wo die Soldaten sind. Ich dachte, auf der anderen Seite gibt es nur Soldaten. Am Markt sah ich viele Leute: junge und alte Männer, alte Frauen – manchen sahen aus wie meine Mutter, wie meine Großmutter. Dort habe ich zum ersten Mal gesehen, dass es auf der anderen Seite normale Leute gibt. Ich wusste ich will die Sprache (Hebräisch, Anm.) lernen.
Grenzgänge: Du sprichst Hebräisch und hast später eine jüdische Israeli geheiratet. Sind die Grenzen zwischen Israel und Palästina für dich verschwommen?
Zatar: Ja, aber ich dachte nicht das die Grenzen verschwimmen. Ich habe auch in Israel gelebt, vier oder fünf Jahre – illegal. Ich habe viele Freunde gefunden – wir haben zusammengearbeitet, zusammen getrunken, zusammen gegessen und durch Dialog Vorurteile beseitigt.
Ich habe die andere Seite verstanden und sie haben mich verstanden und bis jetzt sind wir gute Freunde. Es macht mich froh, dass wir uns bei jedem Konflikt anrufen und fragen, ob alles okay ist. Wir haben entschieden, dass das Leben nicht das ist, was unsere Eltern erzählt haben.
Osama Zatar
palästinensischer Künstler und Aktivist
Grenzgänge: Ein friedliches Leben in Israel und Palästina war dir und deiner Ex-Frau nicht möglich und deshalb seid ihr damals nach Deutschland gezogen. Wie blickst du heute auf diesen Grenzgang zurück?
Grenzgänge: Warum?
Zatar: Die Ausländerbehörde. Wir kommen irgendwo aus dem gleichen Staat – Israel und Palästina. Aber wir sind nicht in dem gleichen Gebäude der Behörde. Israel ist ein anerkannter Staat, ich war staatenlos. Ich glaube, sie haben nicht gewusst, was sie mit uns machen sollen, mit unseren Geschichten als verheiratete Israeli und Palästinenser.
Grenzgänge: Du hast die Grenzen in Israel und Palästina miterlebt, aber auch Grenzen in Europa. Unterscheiden sich diese Grenzen deiner Meinung nach?
Zatar: In Europa, gibt es keine physischen Grenzen, es gibt nur die Mentalitätsgrenzen, also wie Leute denken. Wenn ich Wien sehe, weiß ich es gibt keine Grenze – die Grenze ist im Kopf.
Grenzgänge: Heute lebst du in Wien und blickst aus Wien auf Palästina. Hat sich dein Blick auf Palästina verändert?
Zatar: Er hat sich verändert, leider. Ich hatte das Gefühl, Österreich ist neutral und, dass meine Ex-Frau und ich die gleichen Rechte haben. Österreich hat mich genommen, ohne Probleme.
Aber ich glaube 2019 oder 2020 (2021, Anm.) hisste Sebastian Kurz die Israel-Flagge. Mich störte das, als jemand in Wien. Warum müssen wir als Österreich an diesem Krieg teilnehmen? Seitdem bin ich sehr aktiv, dass Österreich seine Neutralität behält. Ich habe mir so gewünscht, in einem Land zu wohnen, das nichts mit dem allen zu tun hat.
Osama Zatar
palästinensischer Künstler und Aktivist
Du hast deine Familie im Frühjahr 2025 im Westjordanland besucht. Welche Veränderungen hast bemerkt?
Zatar: Die Leute haben mehr Angst. Früher hatten die Leute noch Kräfte gegen die absurde Israelische Occupation (Besetzung, Anm.) zu kämpfen, die Leute hatten noch Geduld. Jetzt haben sie Angst, weil sie das gesehen haben, was in Gaza passiert.
Grenzgänge: Woran hast du das bemerkt?
Zatar: In der Westbank (Westjordanland, Anm.) leben auch viele Isrealis. Aber wie erkennst du, ob es Isrealis oder Palästinenser sind? Das Autokennzeichen hat eine andere Farbe. Auf der Straße haben Leute Angst, ein anderes Auto mit gelber Farbe zu überholen, weil jemand schießen könnte. Aber beide haben Angst auf dieser Straße. Die Isrealis haben Angst, aber die Palästinenser haben mehr Angst, weil sie keine Waffen haben und wenn etwas passiert, fragt niemand nach. Ich war dort (Heimatdorf, Anm.) zwölf Tage, ich habe die Stadt (Ramallah, Anm.) nicht gesehen, weil es so viele Checkpoints gab.
Zatar: Schwierig zu sagen. Sie haben in ihrem Kopf drei Szenarien: Die Isrealis nehmen die Westbank (Westjordanland, Anm.) ein und schicken alle Leute raus oder der Krieg geht weiter oder sie sterben. Es gibt keine Hoffnung, speziell für meine Eltern.
Grenzgänge: Woran hast du das gemerkt?
Zatar: Normalerweise hatten meine Eltern die Einstellung wir bleiben hier, wir kämpfen für unser Land, wir sind hier geboren. Meine Eltern haben immer gesagt, komm bleib hier: wieso bleibst du in Österreich? Und dieses Mal haben sie gesagt, bleib dort.
Grenzgänge: Du bist Aktivist und ein Teil der jüdisch-palästinensischen Organisation „Standing Together“. Mit eurem Aktivismus wollt ihr Grenzen überqueren, geografisch wie politisch. Wie gelingt euch das?
Zatar: Niemand gewinnt im Krieg, niemand. Auch mehr Land oder mehr Geld bedeuten keinen Sieg.
Entscheidend ist die Frage, ob wir das Feuer weiter anfachen oder versuchen, es zu löschen. Darum geht es für mich: Wie kann ein gewöhnlicher Mensch in Zeiten von Krieg über Frieden nachdenken?
Grenzgänge: Wie versucht ihr als „Standing Together“ über Frieden nachzudenken und diesen zu schaffen?
Zatar: Wir versuchen immer, eine Lösung zu finden und zu schauen wo Probleme sind – natürlich versuchen wir auch diese Probleme zu beenden. Wir diskutieren überall, wir machen Workshops, wir veranstalten viele Events. Wir sind auch in einer Schule, in einem Projekt. Wir versuchen, was möglich ist, damit die Leute anders denken.
Dieser Krieg (Konflikt zwischen Israel und Gaza/Palästina, Anm.) hat mich geschockt. Es hat lange gedauert und die ganze Welt hat zugeschaut. Und ich weiß, dass die Welt den Krieg beenden kann. Wieso hat das lange so gedauert?
Grenzgänge: Was ist deine Hoffnung, dein Wunsch für Israel und Palästina?
Grenzgänge: Vielen Dank für das Gespräch.
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