Wie man jemanden treffen kann, der gar nicht mehr lebt

Durch die Augen einer Toten

von Marlene Pichelmayer

„Noch eine Frage zu deinem letzten Tagebuch. Du hast es selbst ,Das letzte Tagebuch’ genannt. War das so geplant?”

Meine Großmutter Gerlinde Obermeir starb 1984 in ihrer Wohnung in der Gumpendorferstraße 73 in Wien. Sie wurde 42 Jahre alt. Sie starb 10 Jahre bevor ich geboren wurde und obwohl ich sie nie kennenlernen konnte, nahm sie dennoch viel Raum in meiner Kindheit ein. Sie lebte in den Erzählungen, Fotos und Bildern weiter, die meine Mutter von ihr aufbewahrte, und sie lebte weiter in ihren literarischen Werken. Als ich von zuhause auszog, nahm ich die 38 handgeschriebenen Tagebücher und Manuskripte meiner Großmutter mit, die bisher bei meiner Mutter unter dem Bett gelagert wurden. Ich wollte sie kennenlernen: Lindi die Schriftstellerin, Lindi die Journalistin, Lindi meine Großmutter. 

Gerlinde Obermeir (li), ca. 1970

Das Leben meiner Großmutter war an vielen Punkten bestimmt kein Leichtes. Sie bekam sehr früh Kinder, löste sich aus einer Gewaltbeziehung, als Scheidung noch gesellschaftlich verpönt war, erkrankte an Schizophrenie und wählte dann mit Anfang 40 den Freitod. Ihre Abwesenheit war für mich oft wie ein schwarzer Fleck in meiner Geschichte. Meine Vorstellung von ihr war ausschließlich aus den Erzählungen Dritter gebastelt. Gerne hätte ich die Möglichkeit gehabt, ihr selbst Fragen zu stellen.

Warum bist du freiwillig aus dem Leben gegangen? Wie ging es dir mit deiner Krankheit? Worin fandest du Freude?

Gerlindes Tagebücher

Wie war deine Beziehung zu deinen Töchtern für dich? Wie hast du deine Arbeit erlebt? Den Journalismus? Die Schriftstellerei? Wie hast du gelebt, geliebt?

Weil ich sie selbst nicht mehr fragen kann, stelle ich manche meiner Fragen ihren Tagebüchern. Nicht auf alle finde ich befriedigende Antworten. Trotzdem lerne ich in diesem Prozess sehr viel über meine Großmutter. Ich lerne aber vor allem auch über mich selbst, meine Identität, meine Herkunft. 

Disclaimer: Die Antworten habe ich mithilfe journalistischer Werkzeuge aus mehreren hundert handgeschriebenen Seiten erarbeitet. Für die Lesbarkeit und Verständlichkeit habe ich stellenweise Inhalte zusammengefasst oder gekürzt. Dabei war ich aber immer bemüht, die Tonalität und Authentizität der Aussagen nicht zu verfälschen. 

Ich fange mit einer „leichten“ Frage an. Wie geht es dir?

Ich trinke zu viel, ich rauche zu viel, ich schreibe vielleicht auch zu viel. Die beiden Nonnen in meiner Straße finden aber, dass ich sehr jung aussehe, sie waren überrascht, als ich ihnen von meinen Töchtern erzählte. Aber wie immer…fühle ich mich einsam und allein. Selbst die Lust zu schreiben ist mir aktuell vergangen.

Wie empfindest du die Beziehung zu deinen Kindern in deinen letzten Lebensjahren?

Wegen Gabi bin ich etwas ungeduldig, ob sie auch alleine zurecht kommt. Ich verliere beständig mein Zeitgefühl, und nur durch Nachschlagen in meinem Tagebuch sehe ich, dass es erst fünf Tage her ist, seit ich sie gesehen habe. Meine Freude über sie beruht auf ihrer begonnenen Arbeitsernsthaftigkeit. Sie möchte sich entwickeln innerhalb ihrer Buchhändlerei, liest sehr viel und hat mehr Schriftsteller und ihre Werke im Kopf als ich. Und sie legt derzeit viel Wert auf Ordnung und Selbstständigkeit. Ich habe zuletzt schöne Tage mit ihr verbracht. Meine nun erwachsene Tochter. Eine Schönheit ist das Kind geworden.  

Daniela gegenüber habe ich in erster Linie die Angst, sie zu überfordern. Ich hatte vor kurzem ein langes Telefonat von Daniela aus Nürnberg mit Rückruf von mir zu Daniela. Ihre Stimme klingt ruhig, fest und in konsequenter Sprache. Wir haben uns auf das Hören verlegt. Festgelegt. In meiner Vorstellung ist Daniela groß, ich klein. Aber ihre Stimme spüre ich sehr nahe.

Gerlinde ca. 1957

Du schreibst so oft über deine Einsamkeit. Kannst du von einem Tag erzählen, an dem du sie besonders stark gespürt hast?

Ein Freitag Anfang August 1983. Ein trüber Tag. Immer wieder schüttet es kurze, heftige Güsse vom Himmel. Alles ist grau. Ich reche das nasse Gras im Garten zusammen, schlichte es auf den Komposthaufen und rede mir immer wieder ein, dass mein Leben in bester Ordnung sei, solange ich nur bereit bin, irgendwelche Tätigkeiten durchzuführen. Mittags wärme ich mir mein Essen vom Vortag, mit Rotwein aufgegossen und liebevoll fein gekocht.

Beim Essen breche ich in Tränen aus. Alles Übel, alle Lügen überwältigen mich. Ich fühle mich einsamer denn je. Ein Brief an meine Mutter misslingt, denn es  erscheint mir als der größte Hohn meiner selbst in Heiterkeit einen Brief zu formulieren, wenn ich nicht heiter bin. Es kränkt mich, dass sich niemand um mich schert, wenn nicht ich es bin, die den ersten Schritt macht.

Das gute Essen schmeckt nicht, ist gleichgültig geworden. Es ist ein besonders trister, schrecklicher Tag. Wenn es mir nur gelingen könnte, die Schönheit zu finden und zu halten. Neue Kraft zu haben um glücklich zu sein, in meiner Innenwelt, unabhängig von außen.

Auszug aus einem Tagebuch

Neben den Passagen, in denen Gerlinde über meine Mutter schreibt, sind für mich vor allem die Stellen, an denen sie über ihr Alleinsein berichtet, besonders emotional.
In einem Eintrag schreibt sie: „Immer, immer, immer ist es so gewesen. Alleine bin ich. Alleine mit mir und den Anderen.“ Die Arbeit mit den Tagebüchern ist zeitweise sehr bedrückend, weil man auf vielen Seiten die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit spürt, die sie in ihren letzten Lebensjahren begleitet hat. 

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Wie geht es dir mit der Schriftstellerei? 

Manchmal fühlt es sich für mich so an, als würde meine Arbeit niemals Anerkennung finden. „Man“ hat sich doch richtig zu verhalten. „Man“ ist doch Vorbild. Dichtung und Persönlichkeit wird gemeinsam gemessen und weil mir immer wieder Dummheiten geschehen, sieht mich die Umwelt als Kind und möchte mich nicht ernst nehmen. 

Mir fehlt auch Zeit für meine Arbeiten. Das Rohmaterial ist vorhanden. In erster Linie habe ich Schwierigkeiten mit den Recherchen. Recherchen bedingen Bitten und Fragen an Menschen. Malerei ist leichter als die Schriftstellerei. Außer der Frage nach den Farben benötigt der Maler kaum etwas, zumindest braucht er keine empirischen Details.

Vielleicht ist das eine Art von Pingeligkeit, aber ich meine, solange ich Mängel an meiner Arbeit spüre, so lange dieses „Mangel-Gefühl“ besteht, gibt es eine Entfernung zwischen Wahrheit und Identifikation mit der Arbeit. Gerade auf den letzten Seiten, dem Schlussbild einer Arbeit sollten die Ausdruckskraft und der schöpferischer Prozess in der Kunstentwicklung neu aufleben. Wie kann ein Stück jemals das Publikum faszinieren, wenn ich selbst nicht überzeugt bin?

Was macht dir in diesen Monaten Freude?

Rico hat mir erste Gitarrengriffe gelernt. Ich kann aber noch  nicht beurteilen, ob ich die Ausdauer dazu haben werde. Draußen am Wasser (Anm. Gerlinde besaß ein Ferienhaus in Greifenstein an der Donau) entwickle ich seit langer Zeit wieder das Gefühl von Zugehörigkeit. Wir sitzen in warme Decken eingehüllt im Turmzimmer, auf dem Fensterbrett, von dem man auf die Donau sehen kann. 

Hast du Angst zu sterben?

Alles ist bedeutungslos, selbst der Tod. Ich frage mich dennoch: Wie wird mein Tod sein? Aber ich glaube, man behält vor allem seine Kindlichkeit wenn man stirbt. Ich bin daher gutgläubig und voll Vertrauen.

Gerlindes letztes Tagebuch

Noch eine Frage zu deinem letzten Tagebuch. Du hast es selbst „Das letzte Tagebuch“ genannt. War das so geplant?

Gerlinde 1984

Ich finde keine Antwort auf meine Frage in den letzten Seiten ihres letzten Tagebuchs. Man kann sehen, dass in der linken oberen Ecke des Etiketts ursprünglich die Zahl „48“ stand. Die ersten Seiten des Tagebuchs sind herausgeschnitten. Vermutlich war „das letzte Tagebuch“ eigentlich ein Notizbuch, vielleicht für Rohkonzepte ihrer Arbeit und die Nummerierung hatte damit zu tun. 

 Auf der Innenseite des Umschlags ist ein Foto geklebt, verkehrt herum, auf dem Etikett steht September 1984. Ich löse es vorsichtig heraus und drehe es um. Darauf sieht man Gerlinde, die Augen geschlossen, mit einem Lächeln im Gesicht.

Drückt mir ein bisschen die Daumen, dass es „drüben“ besser ist – und so wahr es ist, dass ich tot bin, so wahr ist, dass Euch keine Schuld trifft.

In Liebe
Gerlinde